Zu jeder Zeit fühlte sich der Mensch von den Schönheiten
der Natur angezogen. Der Cirque de Mourèze bildet nicht
nur ein einzigartiges Naturdenkmal, sondern auch eine richtige
Stadt mit einer von der Natur geschaffenen Burganlage (Courtinals),
den Gassen, Sackgassen, Kellern, Gehegen, Türmen, Säulen,
Steinbögen, Stelen, Festungswällen und den Labyrinthen.
Vom Belvédère aus erkennt man am besten die ganze
Dimension dieses Amphitheaters, das alle Besucher bestaunen.
Man könnte das Felsenmeer für die Ruinen einer antiken
Stadt halten, ein Felsenchaos, das uns über Symbole und
Zeichen eine Botschaft mitzuteilen scheint.
Im Cirque herrschte immer ein mildes Klima, auch während
der letzten Eiszeiten. Er erlaubt es, sich zu verstecken, sich
zu verteidigen, ideal gelegene Wachposten aufzubauen und das
Vieh in natürlichen Einzäunungen zu halten. Eine unversiegende
Quelle in Mourèze, der „Brunnen des Engels“
spendet seit Jahrtausenden ein pures und mineralhaltiges Wasser,
der Bach „Petite Dourbie“, der 50 Meter vor den
Felswänden des Parc des Courtinals fliesst, war ein idealer
Ort für das Tränken der Tiere und der Wäsche.
Die umliegenden Wälder waren wildreich und voller Brombeeren,
Feigen, Erdbeeren und eine ganze Palette von Medizinalpflanzen.
Für die Menschen der Vorgeschichte ein wahrhaftiges Paradies!
Die Besiedlung des Tals seit des Paläolithikums wird weder
durch Konstruktionen, noch durch sonstige Zeichen belegt, aber
wenn man die Besiedlung anderer Stätten in der Gegend in
Betracht zieht, ist es mehr als wahrscheinlich, dass der Cirque
seit mindestens 50.000 Jahren bewohnt war. Die ersten datierbaren
Elemente stammen aus dem mittleren Neolithikum, das heisst etwa
7.000 Jahre vor unserem Zeitalter. Nach allem Anschein nach
– und die nächsten archäologischen Untersuchungen
werden es bestätigen – war die intensivste Periode
der Bewohnung des Cirques zwischen dem Ende des Neolithikums
(3.000 v. Chr.) und der Eisenzeit ( 600 bis 300 v. Chr.).
Der Archäologe G. VASSEUR aus Marseille hatte während
ersten Ausgrabungen im Jahre 1911 eine aussergewöhnlich
schönes Kunstwerk unterhalb des Belvédères
neben dem Picknickplatz gefunden. Es handelt sich dabei um eine
kleine Gans aus Ton, im Ostseeraum hergestellt und etwa 3000
Jahre v. Chr. im Cirque angekommen. Das beweist die weitreichenden
Handelsbeziehungen zwischen den einzelnen Gebieten in Europa
während der Neusteinzeit.
Allerdings wurden in Courtinals während den fünf
regulären Ausgrabungen keine Grabstätten, noch Spuren
von Kämpfen entdeckt. Die Stämme hatten dort in Frieden
gelebt, geschützt durch die hohen Felswände und warum
nicht durch die magischen Kräfte dieses Ortes...? Welche
andere Erklärung hätten die Steinzeitmenschen für
dieses mystische und vielleicht auch für sie erschreckende
Felsenchaos finden können? Eine Stadt der Zyklopen, eine
verzauberte Landschaft, der Eingang zur Hölle, ein Fenster
zu einem anderen Planeten? Wir müssen auch heute noch zugeben,
dass die Landschaft eindrucksvoll ist, vor allem in einer hellen
Vollmondnacht und sogar für uns, die wir von der Zauberwelt
des Fernsehens verwöhnt sind.
Der Cirque hat immer schon die Menschen angezogen, vor allem
jedoch originelle Charaktere. Ein derartiges Naturschauspiel
bewirkt einen starken Ying und Yang Effekt, eine Balance des
Guten und des Schlechten. Der Schriftgelehrte Gaston COMBARNOUS
hatte sein ganzes Vermögen für die Erforschung des
Cirques verwendet. Er hattte versucht, in seinen Büchern
zu beweisen, dass nur wenige der Felsformationen von der Natur
geschaffen wurden und dass die Aufstellung der einzelnen Felssäulen
kein Zufall sei. In seinen Werken spricht er vom Cirque de Mourèze
als ein immenses kollektives Memorial der Steinzeitvölker,
die diesen Ort über Jahrtausend bevölkert hatten und
die versuchen, uns aus einer anderen Welt eine Nachricht zukommen
zu lassen. Ist es ein Zufall, dass die mittelalterliche Devise
des Dorfes „post funera vivet“ heisst, was so viel
bedeutet wie: „hier gibt es ein Leben nach dem Tod“?
Kurzum, Monsieur COMBARNOUS sah im Cirque eine Art Disneyland
der Vorgeschichte oder einen immensen Tempel mit Symbolen, die
es noch zu entziffern gilt. Der grosse Totenkopf über dem
Cirque, nach dem Süden ausgerichtet und von überall
her zu sehen, und der über diesen grossen „Spielplatz“
wacht, die Sphinx und das Fräulein, die das Leben und die
Sexualität verkörpern, der liegende Löwe, perfekt
ausgebildet, der Bär und der Hirte, stellen das Tierreich
dar. Die dicken Frauengestalten, die schwangeren Frauen, die
Phallus und die dreieckigen Altare unterstreichen nochmals die
Hypothèsen von COMBARNOUS. Schattenspiele, die besondere
Stellung verschiedener Figuren, Balkone und Labyrinthe geben
ein Rätsel für all die auf, die sich für die
Alchimie von Mourèze interessieren.
Während der Ausgrabungsarbeiten von 1991, hatte Dr Gérard
TURBANISCH an mehreren Stellen der hohen Felswände des
Parkes Einschnitte entdeckt. Diese Widerlager beweisen unzweifelhaft
die Existenz von recht grossen Verteidigungsanlagen im und um
den Park herum. Die Spuren von Wehrgängen (franz. „courtines“),
von Palissaden und mindestens einer Brücke, die nach den
gefundenen Spuren im Felsen wiederaufgebaut wurde. Es ist jedoch
unmöglich, diese mechanischen Spuren im Felsen zu datieren,
die Erosion im Dolomiegestein ist dafür zu fortgeschritten.
Einige Felswände im Cirque verlieren bis zu 10 Millimeter
pro Jahrhundert, was auf einen Verlust von 50 cm an den Wänden
seit dem Ende der Neusteinzeit schliessen lässt. Die Kohlensäure,
die im Regenwasser natürlich enthalten ist, der Wind, die
Gewitter, der Frost und die Besteigung der Felsen durch die
Vielzahl der Touristen erodieren den brüchigen Felsen sehr
schnell. Das erklärt auch die Abwesenheit von Felsmalereien
oder Gravierungen in den Felsen.
Nichtsdestoweniger belegt ein Catharerkreuz, das in eine der
Felswände von den Türmen von Courtinals graviert ist,
die Anwesenheit dieses „perfekten religiösen Ordens“
auf ihren Wallfahrten zwischen ihrer östlichsten Burg,
St-Michel, und St-Guilhelm le Désert. Die riesige Wand
gegenüber dem Dorf Mourèze heisst seit dem Mittelalter
„Hôpital“, nicht im Sinne von Hospiz, sondern
im mittelalterlichen Sprachgebrauch „Wirtschaft“
oder „Rastplatz“. Nicht zu vergessen auch die Einsiedelei
von St-Jean auf dem Berg von Liausson, die ihren Namen von den
Hospitaliers von St-Jean erhalten hat, ein religiöser Orden,
die ihrerseits die Nachfolger der Tempelritter gewesen sind.
Ein Brief vom Marschall Henry de Montmorency vom 16. Juli 1587
an den Gouverneur von Lodève beschreibt die Wichtigkeit
der Garnison von Mourèze und die Notwendigkeit, die dort
stationierten Soldaten zu bezahlen, um diesen strategisch wichtigen
Ort schützen zu können. Wenn es auch wahr ist, dass
während der römischen Besatzung die Römerstrasse
Nîmes – Toulouse durch Mourèze, gerade unterhalb
von Courtinals, führte und damit Mourèze eine Schutzgarnison
beherbergte, sieht man weniger ein, wieso ein Steinmuseum während
den Religionskriegen besonders beschützt sein musste.
Ein zwanzig Meter langer Tunnel, der in den Fels des Berges
geschlagen wurde, mehrere Höhlen, Steintreppen an mehreren
verwunschenen Plätzen im Felsenmeer, es gibt noch so viele
Orte auszugraben und zu untersuchen! Nach Herrn Professor GARCIA
wurde in einem Jahrhundert ungefähr 10% des Potentials
ausgegraben. Wenn auch der Fundort Courtinals heute als einer
der „wichtigsten archäologischen Fundorte des mittleren
Héraultales“ (CNRS) gilt, sind doch auch andere
Aspekte nicht zu vernachlässigen, wie z. B. die in den
Fels gemeisselten Zeichen, die Widerlager in den Felsen, der
Ausbau der „Türme“ und das seltsame, plötzliche
Verlassen des gallischen Dorfes um 350 v. Chr.